sonntagszeitung.ch | 7. August 2016

Städte kämpfen gegen die Verödung

Verändertes Einkaufsverhalten und starker Franken beschleunigen den Wandel in den Ortskernen – Gemeinden suchen externe Hilfe

Cornelia Krause, Erich Bürgler

Glarus/Laufenburg AG | Leer stehende Geschäfte, weniger Passanten, im schlimmsten Fall gar verfallende Häuser – immer mehr Schweizer Städte und Gemeinden beklagen eine Verödung ihrer Ortszentren. Experten für die Suche nach Lösungen sind gefragter denn je. «Die Zahl der Anfragen hat stark zugenommen, wir können uns vor Mandaten derzeit kaum retten», sagt Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Zwischen 2005 und 2010 führten Spezialisten der Vereinigung insgesamt 9 sogenannte Stadtanalysen durch, seit 2011 waren es 29. Auch umfangreiche Nutzungsstrategien, die Wege aus der Krise zeigen sollen, haben dieses Jahr einen Höchststand erreicht. Der Strukturwandel wird zum flächendeckenden Problem. Er hat Orte wie Laufenburg AG und Liestal BL, Glarus, Biel, Spiez BE oder Sursee LU erfasst. Bühlmanns Experten werden auch erstmals im Tessin tätig: in Bellinzona.

Die Schweiz vollzieht zeitverzögert Entwicklungen der Nachbarländer Deutschland und Frankreich. «Der Strukturwandel ging zunächst schleichend voran und hat sich nun infolge der Frankenstärke und des Onlinehandels beschleunigt», sagt Daniel Müller-Jentsch, zuständig für regionale Entwicklung bei der Denkfabrik Avenir Suisse. Die Suche nach Lösungen gestaltet sich schwierig. Oft ist es schon zu spät, die Orte in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederzubeleben. Gefragt sind deswegen neue Nutzungsformen. Hannes Germann, Schaffhauser SVP-Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbandes, sieht etwa Chancen im Bau familienfreundlicher Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen in Ortszentren. Auch bei Avenir Suisse ist man der Ansicht, dass der Detailhandel im Ortskern grundsätzlich an Bedeutung verlieren wird. Im Kampf gegen die Verödung bringt Müller-Jentsch sogenannte Business Improvement Districts ins Spiel, wie es sie in den USA gibt. Das Konzept: Stimmen innerhalb eines städtischen Gebiets die Mehrheit der Gewerbetreibenden und Immobilienbesitzer Aufwertungsmassnahmen zu, müssen sich alle Betroffenen daran beteiligen – auch finanziell. «Dieses Modell sollte man sich auch in der Schweiz anschauen.»

Wenn die Bäckerei nach 120 Jahren

Konkurrenz aus dem Internet, Shoppingcenter im Grünen und der starke Franken führen zu einer zunehmenden Verödung der Stadtzentren. Jetzt ziehen die Gemeinden Experten hinzu.

Cornelia Krause, Erich Bürgler (Text), Joseph Khakshouri, Cornelia Krause (Fotos)

Glarus | Ein unscheinbares Ladenschild ist übrig geblieben. Die abgeklebten Scheiben lassen nicht darauf schliessen, dass hier einst das kleinste Warenhaus der Schweiz seine Kunden empfing – über 100 Jahre lang. Doch das Geschäft an der Hauptstrasse in Glarus, Anfang Jahr mangels Nachfolge geschlossen, ist nicht das einzige, das die Kantonshauptstadt bewegt. «Hier geht seit ein paar Monaten einfach alles zu», klagt eine Passantin. Etwa die Apotheke schräg gegenüber. Sie zog im Dezember in ein grosses Einkaufszentrum und machte es damit Ochsner-Sport nach. Im Mai schloss die Dosenbach-Filiale im schönen Postgebäude an der Bahnhofstrasse – zugunsten einer Filiale vor den Toren der Stadt. Das Spielzeuggeschäft und ein Geschenkeladen haben jüngst ganz dichtgemacht, ein alteingesessenes Innendekorationsgeschäft hat sich verkleinert und ein Ladenlokal aufgegeben. Über der Hauptstrasse flattern der heilige Fridolin und bunte Gemeindefahnen, das Trottoir säumen rotblühende Oleanderbüsche im Topf.

Doch es lässt sich nicht verbergen: Glarus hat ein Problem. Und Glarus ist damit nicht allein. Immer mehr Gemeinden klagen über Leerstände im Stadtzentrum, über eine Verödung des Ortskerns. Viele suchen deswegen professionelle Hilfe. Meist landen sie bei der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung VLP-ASPAN. Deren Experten suchen im Rahmen des «Netzwerk Altstadt» mit Städten, Gemeinden und ihren Bewohnern Wege zur Wiederbelebung des Ortskerns. «Die Zahl der Anfragen hat stark zugenommen, wir können uns vor Mandaten derzeit kaum retten», sagt VLPASPAN- Direktor Lukas Bühlmann. Während seine Mitarbeiter zwischen 2005 und 2010 nur 9 sogenannte Stadtanalysen erstellen mussten, sind es seit 2011 29. Auch die Nutzungsstrategien, die auf der Analyse aufbauen und Wege aus der Krise aufzeigen, haben einen Rekordwert erreicht. Die auf Mandats basis arbeitenden externen Architekten und Raumplaner erarbeiten ge rade 5 Strategien für Ortschaften, unter anderem für Richterswil ZH, Spiez BE und Mels SG. Das Team wurde stark aufgestockt: Von zwei Mitarbeitern 2011 auf 13. Bühlmanns Fazit zur Lage: «Verschont werden nur die ganz grossen Städte. Das Problem ist eigentlich überall spürbar, mal stärker, mal weniger stark ausgeprägt.» Das Aussterben hat System: Erste Geschäfte schliessen oder ziehen weg, die Orte verlieren an Attraktivität für Einkäufer und weiteren Handel. Es droht Leerstand, im schlimmsten Fall gar der Verfall von Häusern.

Internet konkurrenziert Detailhandel und Dienstleistungen 

Das Phänomen ist nicht neu, hat sich jüngst aber beschleunigt. Als wesentliche Treiber sieht Bühlmann den starken Franken und veränderte Einkaufsgewohnheiten. Zu Letzteren gehört der zunehmende Internethandel, der im Detailhandel und bei Dienstleistungen deutliche Spuren hinterlässt. Etwa bei den Banken. Weil immer mehr Kunden ihre Geldgeschäfte von zu Hause aus erledigen, werden viele Bankfilialen überflüssig. Im vergangenen Jahr schlossen schweizweit 73 Bankstellen und damit deutlich mehr als in den Jahren davor, wie neuste Zahlen der Schweizerischen Nationalbank belegen. Experten erwarten, dass in nächster Zeit noch einmal Hunderte von Filialen verschwinden. Seit 2008 haben fast 300 Bankstellen dichtgemacht. Ähnlich sieht es bei der Post aus, deren stark defizitäres Stellennetz kontinuierlich schrumpft. Zurzeit gibt es noch 1460 Poststellen, im Jahr 2001 waren es noch über 3200. Auch hier ändert sich das Kundenverhalten. Die Briefmarke gibt es auch per SMS, aufzugebende Pakete kann man von zu Hause abholen lassen. Zum veränderten Einkaufsverhalten gehört auch der Einkauf im Shoppingcenter – alles unter einem Dach mit kostenlosem Parkplatz. Glarus hat davon gleich zwei. Das Zentrum Wiggispark in Netstal feierte letztes Jahr das 20-Jahr-Jubiläum. 2010 kam das Fachmarktzentrum Krumm in Näfels dazu. Der Wiggispark wurde 2014 gar noch um 3500 Quadratmeter erweitert. In den Centern drängen sich die üblichen Verdächtigen auf insgesamt fast 20 000 Quadratmetern: von Coop und Migros über Aldi, Vögele Shoes, C&A, Interdiscount bis hin zur Swisscom.

Bei der Gemeinde räumt man ein, dass der Detailhandel im Zentrum ein Problem hat, will mit den Planungsentscheiden der Vergangenheit aber nicht zu hart ins Gericht gehen. «Einkaufszentren bilden auch den Zeitgeist ab, es ist die Frage, ob man dem Verlangen der Konsumenten, effizient einzukaufen, nicht nachkommen muss», sagt Katrin Egger, Leiterin Standortförderung. Der starke Franken hingegen wirkt sich vor allem in den Grenzregionen aus, die unter dem Einkaufstourismus leiden. Nach Schätzungen der Credit Suisse gaben die Schweizer 2015 fast  11 Milliarden Franken im Ausland aus, beim Shopping über der Grenze oder im Netz. Die Summe entspricht einem Zehntel des Gesamtumsatzes im Schweizer Detailhandel. Laut einer Studie des Immobilienberaters Wüest & Partner sind Verkaufsflächen in Grenzregionen besonders stark von Schliessungen bedroht.

In Laufenburg AG lässt sich beobachten, wie die Kombination aus Einkaufszentrum und Grenznähe dem Ort zum Verhängnis wird. Ein paar Hundert Meter hinter der Grenze locken auf riesigem Areal der deutsche Detailhändler Edeka, die Drogeriemärkte Müller und DM, aber auch Intersport, Deichmann und BabyOne sogar Zentralschweizer Kundschaft an. Durch den Rhein vom deutschen Laufenburg getrennt, ist im historischen Schweizer Ortskern die Grundversorgung verloren gegangen. Den holzgetäfelten Auslagen der Ladenlokale fehlt der Anstrich, lokale Künstler stellen ihre Ar beiten aus. Nur die alten Messingschilder zeugen noch davon, dass hier einst Apotheker oder Metzger ihrer Arbeit nachgingen. Mehrere Gaststätten haben aufgegeben, die Strassen sind menschenleer. Im Juli hat der Bäcker als Letzter den Bettel hingeschmissen und sein Stammhaus nach fast 120 Jahren geschlossen. Die Bäckerei ist nun nur noch am Bahnhof ausserhalb der Altstadt präsent. Neben einem Mini-Einkaufscenter mit Coop, Apotheke, Post und Kantonalbank. Die Altstadt von Laufenburg habe sich in den letzten Jahren stark verändert, ebenso die Einkaufsgewohnheiten, heisst es im Aushang am einstigen Geschäft. «Der treuen Stammkundschaft und den Bewohnern der Altstadt verdanken wir, dass wir den Laden bis heute betreiben konnten. » Laufenburg ist ein Beispiel für den schlimmstmöglichen Fall. Insbesondere den Detailhändlern wie Migros und Coop kommt laut Netzwerk-Altstadt-Experte Bühlmann eine wichtige Rolle zu. «Verlässt erst einmal der Supermarkt das Zentrum, zieht das automatisch weitere Geschäfte mit.» Ganz entscheidend seien daher Gespräche zwischen den grossen Detailhändlern und den Gemeinden.

Vielfach fühlten sich die Schweizer Detailhändler unter Druck, mit Discountern wie Lidl und Aldi gleichzuziehen und ausserhalb der Ortschaften grosse Flächen mit Parkplätzen anzubieten. «Deswegen empfehlen wir Gemeinden oft, Verkaufsflächen in Gewerbegebieten nicht zuzulassen.» In Aarberg BE ist dem Netzwerk und der Gemeinde ein Coup gelungen: Die Migros wird eine 1000 Quadratmeter grosse Filiale eröffnen, in einem Neubau unter einem Dach mit der Post und Alterswohnungen. Der Laden liegt anders als Coop und Lidl unmittelbar auf Höhe der Altstadt, an ihrem Eingang. Er soll für mehr Laufkundschaft im Stadtzentrum sorgen. Das Architekturprojekt wird in zwei Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch derartige Erfolge sind nicht die Regel. «Oft ist es schon zu spät, die Ortschaften in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederzubeleben. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen », sagt Bühlmann. Dann muss mit Hauseigentümern hart verhandelt werden, um neue Nutzungen zu ermöglichen. Früher hätten Eigentümer mit der Laden miete den Rest des Hauses quersubventioniert. «Heute läuft es andersherum. » Die Hausbesitzer müssten vielfach von hohen Mietpreisvorstellungen abrücken, damit neue Ladenkonzepte überhaupt eine Chance haben. Etwa kleine Spezialitätengeschäfte oder hybride Formen wie der Buchhandel mit Café. Oft müssten die Gemeinden den Ortskern neu definieren, sagt Bühlmann. Den Kreis, in dem reges öffentliches Leben und Handel stattfindet, enger ziehen. Laufenburg setzt auf Wohnen im modernisierten Altbau Für manche Orte kommt selbst das spät. Sie setzen primär darauf, schönen Wohnraum zu schaffen, damit das Leben in der Altstadt wieder attraktiv wird. Der Laufenburger Stadtammann Herbert Weiss etwa. Er will in erster Linie Altbausubstanz und Fassaden erhalten. Zu dem Zweck soll die Gemeinde alte Häuser aufkaufen, sie innen nach modernem Standard ausbauen und mit erneuerbarer Energie beheizen. «Das sollte gerade bei jungen Familien gut ankommen», hofft Weiss. Was den Handel angeht, will er vielleicht auf einen Frischgemüsemarkt setzen, ansonsten auf Gastronomie und Tourismus. Auch in Glarus wird über einer Strategie gebrütet. In einem ersten Schritt wurde ein neues Parkplatzkonzept für das Zentrum verabschiedet. Es soll mehr Parkplätze für Einkäufer bieten. Ansonsten hofft Standortförderin Katrin Egger unter anderem auf Nischengeschäfte und «neue, innovative Formen». Die Gemeinde steht mit dem «Netzwerk Altstadt» in Kontakt.

der ganze Artikel in der Übersicht:

„Fehler lassen sich kaum mehr korrigieren“

 Daniel Müller-Jentsch über verödende Ortszentren

Immer mehr Städte und Gemeinden klagen über leere Zentren und holen sich professionelle Hilfe. Wie stark ist die Verödung der Orte bereits fortgeschritten? In der Schweiz sehen wir eine Entwicklung, die in Deutschland oder Frankreich bereits vor zehn bis 15 Jahren eingesetzt hat. Die Nachbarländer zeigen klar, wohin die Reise geht. Leer stehende Ladenlokale und verödende Ortszentren sieht man meist erst in der Peripherie, aber die Entwicklung erfasst nach und nach zentralere Lagen. Viele Ortskerne stehen vor einem tief greifenden Wandel. Warum hat man nicht schneller gegengesteuert?

Der Strukturwandel hat sich infolge der Frankenstärke und des Onlinehandels beschleunigt. Auch sind die Ursachen vielschichtig und variieren je nach Region. Abgelegene Täler verlieren Gewerbe, weil die Bevölkerung schrumpft. In Tourismusgemeinden leidet der Einzelhandel unter den zurückgehenden Besucherzahlen. Entlang der Landesgrenzen ist der Einkaufstourismus ein wichtiger Treiber. In anderen Regionen ist eine verfehlte Raumplanung die Hauptursache. Vielfach wurden zu grosse Einzelhandelsflächen auf der grünen Wiese geschaffen. Problematisch ist auch die mangelnde Koordinatiozwischen den Gemeinden.

Lassen sich derartige Fehler noch korrigieren?

Nachträglich kaum. Wichtig ist, dass Gemeinden frühzeitig reagieren. Denn sind erst einmal 20 Prozent des Gewerbes verloren gegangen und stehen zahlreiche Ladengeschäfte leer, ist es zu spät, das Ruder herumzureissen. Dann droht eine Abwärtsspirale.

Wie lässt sich diese verhindern?

Es bedarf umfassender Strategien. Dazu zählen Massnahmen zur Verbesserung des Ortsbildes oder der Infrastruktur, zum Beispiel gute Parkmöglichkeiten für die Kunden. Auch Gewerbetreibende in den Zentren müssen in die Verbesserung ihres Angebotes investieren, etwa durch Öffnung der Geschäfte über Mittag. Die Immobilieneigentümer sollten sich ebenfalls engagieren, denn sie haben durch eine Verödung viel zu verlieren.

Was könnten sie tun?

In den USA gibt es Business Improvement Districts. Stimmt innerhalb eines städtischen Gebiets die Mehrheit der Gewerbetreibenden und Immobilienbesitzer Aufwertungsmassnahmen zu, müssen sich alle Betroffenen daran beteiligen – auch finanziell. Dieses Modell sollte man sich auch in der Schweiz anschauen.

Wie werden unsere Ortszentren in 20 Jahren aussehen?

Einigen Orten wird es gelingen, auch künftig ein abwechslungsreiches Einkaufserlebnis zu bieten. Die Bedeutung des innerörtlichen Detailhandels wird aber abnehmen. Viele Zentren müssen auf andere Funktionen setzen, wie Wohnen, Gastronomie oder Tourismus. Auf diesen Wandel müssen sich die Gemeinden vorbereiten. Je früher sie anfangen, desto besser.

Cornelia Krause

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