Bericht aus der BZ (Donnerstag, 13. April 2012)

OBERSTADT 

Die Gewerbler in der Burgdorfer Oberstadt stören sich an den negativen Schlagzeilen über ihren Stadtteil. Die Problemewollen sie jedoch nicht schönreden: Es fehlten die Laufkundschaft, die Geschäfte des täglichen Bedarfs und ein Publikumsmagnet wieManor, sagen sie.

«Oberstadt – die Geschichte eines Niedergangs». So lautete am Gründonnerstag ein Titel in dieser Zeitung (Der Bericht ist auf unserer Seite ebenfalls nachzulesen). Es war der erste Beitrag einer mehrteiligen Serie, welche die Probleme der Burgdorfer Oberstadt thematisiert. Dieser Artikel hat hohe Wellen geworfen und vorab die Geschäftstreibenden erzürnt. Einige fühlten sich auch persönlich angegriffen. Entsprechend heftig waren die Reaktionen, die auf der Redaktion eingingen.

Auch wenn sich die Gewerbler über solche negative Schlagzeilen ärgern: Die Probleme wollen auch sie nicht schönreden, wie eine Umfrage unter langjährigen Geschäftsleuten in derOberstadt zeigt. «Es fehlt die Laufkundschaft», bringt Beat Seiler eines der Hauptprobleme auf den Punkt. Der Inhaber des gleichnamigen Fachgeschäfts am Kronenplatz hat auch eine Erklärung, weshalb die Gassen in der Oberstadt im Gegensatz zu jenen im Bahnhofsquartier oft wie leergefegt sind: «Es fehlen uns die Geschäfte des täglichen Bedarfs wie Drogerie, Apotheke, Bäckerei oder ein Metzger. Und der Manor fehlt auch.» Das Warenhaus Manor hatte sich bekanntlich bereits 2008 aus Burgdorf verabschiedet, verdaut haben den Wegzug noch nicht alle.

Umsätze sinken zum Teil

Seiler sagt, der Umsatz in seinem Geschäft sei seit den 90er-Jahren stetig zurückgegangen. Das habe angefangen, als die Oberstadt für den Privatverkehr gesperrt und das Parkhaus eröffnet worden sei. «Damals haben wir sowohl den Handwerker als auch viele

Private als Kunden verloren.» Seiler will aber nicht jammern. Er zeigte sich erfinderisch, hat sein Sortiment in den letzten Jahren verändert. Die klassischen Schrauben findet man in seinem Geschäft heute nicht mehr, Schlösser, Türzylinder, Holzkochherde und Nischenprodukte dafür umso mehr. Nicht zuletzt dank dem Internet kann Beat Seiler sein Geschäft in der Oberstadt halten. «Dieses Standbein wird immer wichtiger.»

«Falsche Verpackung»

Hans Peter Klötzli führt in der Oberstadt einen florierenden Messerladen. «Wir sind zufrieden », sagt er. Allerdings relativiert er: «Wir erwirtschaften mit dem Laden in Burgdorf nur 9 Prozent unseres Gesamtumsatzes.» Den grössten Teil steuern das Geschäft in der Berner Altstadt und der Grosshandel bei. Klötzli redet Klartext: «In der Oberstadt haben alle das gleiche Problem: Es fehlen die Leute. Und von den Burgdorfern allein kann ein Geschäft nicht leben.» Er ist grundsätzlich sehr optimistisch, was die künftige Entwicklung der Altstadt betrifft: «Wir gehen jetzt zwar unten durch, aber es kommt schon wieder gut.»

Das Problem ist für ihn jedoch nicht das fehlende Angebot, sondern die falsche Verpackung: «Wenn Burgdorf ein Zentrum sein will, muss es sich überregional vermarkten.» Er selber habe der Stadt schon mehrmals vorgeschlagen, eine eigene Zeitung herauszugeben. «Die öffentliche Hand hätte einen Geldbetrag sprechen müssen, dann hätten Stadt, Gewerbe und Kulturinstitutionen auf einigen Seiten viermalpro Jahr für sichwerbenkönnen.» Diese Zeitung hätte man dann grossflächig verteilt. Klötzlis Idee fand jedoch keine Mehrheit. Alle haben Hoffnung Eines ist den befragten Gewerblern gemeinsam: Sie geben die Hoffnung auf eine belebte Oberstadt nicht auf. «H&M und Nespressowerden hier keinen Laden eröffnen, da dürfenwir uns keine Illusionen machen», sagt Gaby Reusser von der Buchhandlung am Kronenplatz. «Aberwir arbeiten gemeinsam mit den anderen Gewerblern jeden Tag daran, die Oberstadt attraktiv zu gestalten und eine positive Grundstimmung zu schaffen.» Die Buchhandlung übrigens kommt noch gut zurecht, weil sie auf eine treue und grosse Stammkundschaft zählen kann.

Viel erwartet wird generell vom Projekt Altstadt Plus, das zum Ziel hat, in der Oberstadt vermehrt kleine Handwerkergeschäfte anzusiedeln. «Die Idee ist gut», sagt Gaby Reusser. Und Hans Peter Klötzli ergänzt: «Es ist das ersteMal seit langem, dass sich in der Oberstadt etwas bewegt. Das muss man unterstützen.» Einige Geschäftsinhaber hüten sich jedoch vor allzu grossen Hoffnungen: Es seien in der Vergangenheit schon zu viele Projekte gestartet worden, ohne dass sich nachhaltig etwas verbessert hätte, so die Kritiker.

Philippe Müller