Bericht aus der BZ (Donnerstag, 5. April 2012

BURGDORF  | Warumhat sich die Oberstadt vomblühenden Handelszentrum zum Sorgenkind gewandelt? ImRahmen einer Serie geht diese Zeitung dieser Frage nach. Der erste Teilwirft einen Blick zurück und zeigt auf,wie sich der historische Stadtteil entwickelte. Eingesessene Burgdorferinnen und Burgdorfer müssen ihr Gedächtnis nicht überm.ssig strapazieren, um sich an jene Zeiten zu erinnern, als die Oberstadt das pulsierende Geschäftszentrum von Stadt und Umgebung war. Noch in den 1970er-Jahren zogen die Mütter mit ihren Kindern an den schulfreien Nachmittagen scharenweise durch die Hohen- und Schmiedengasse,um sie mit Kleidern, Schuhwerk und Unterrichtsmaterial einzudecken, im Kaufhaus Strauss, in der Papeterie Langlois, bei Kleider Frey oder im Schuhhaus Dysli – umnur einpaar der damals rege frequentierten Fachgeschäfte zu nennen. Auch sonst gab es in der Oberstadt alles zu kaufen, was man für den täglichen Gebrauch und darüber hinaus brauchte: Fleisch, Brot, Käse, Spezialitäten, Werkzeuge, scharfe Klingen, Bücher, Haushaltartikel, Eisenwaren, Blumen, Pharmazeutika und vielesmehr.

Heute ist die Oberstadt nur noch ein Schatten ihrer selbst, schön gepflästert und sauber herausgeputzt zwar, aber mit vielen leeren Ladengeschäften, marodenWohnungen und allzu stillen Gassen. Der Stadtteil bröckelt seit Jahrzehnten schleichend vor sich hin – daran haben auch die beharrlichen Belebungsversuche der Behörden und diverser Organisationen kaum etwas geändert. Ob sich irgendwann doch noch ein Erfolg einstellen wird, muss vorderhand offen bleiben.

Im Rahmen einer Serie richtet diese Zeitung in den kommenden Wochen den Blick auf die Oberstadt. Die Beiträge handeln vom Strukturwandel im historischen Stadtkern, vom Detailhandel, Wohnen und Verkehr, lassen verschiedene Akteure zuWort kommen und ordnen das Geschehen ein. Im vorliegenden ersten Beitrag soll skizziertwerden,wie das Viertel entstand, warum sich gerade hier ein Handelszentrum herausbildete und was den Niedergang einleitete.

Die Stadt zum Schloss

Um gleich mit einer viel kolportierten Mär aufzuräumen: Das Burgdorfer Gründungsjahr lässt sich nichtmit 1175 angeben, auch wenn die Stadt in ihremLogo den Slogan «active since 1175» führt. Dieses Datum verweist lediglich auf die erste urkundliche Erwähnung des Schlosses Burgdorf; die Stadt selber entstand erst umdas Jahr 1200 herum, als Herzog Berchtold V. von Zähringen, der Letzte seines Geschlechts, das alte Schloss zurheutigenFormumund ausbauen liess. Eine stattliche Residenz sollte es werden, ein eigentliches Dynastenschloss als Sitz eines regierendenFürsten.

Berchtold plante nämlich in seinem Einflussbereich die Errichtung eines zusammenhängenden Feudalstaates, eines Herzogtums Burgund, in dem der Festung über der Emme eine Schlüsselstellung zugedacht war. Dass zu einem Regierungssitz auch eine Stadt gehörte, verstand sich von selbst; ein grosses Schloss benötigte eine handwerkliche und verwaltungstechnische Infrastruktur. Im sogenannten Alten Markt unmittelbar neben dem Burgareal siedelten sich Dienstadlige an, die für den Herzog Verwaltungsgeschäfte besorgten, während in der neuen Stadt Handwerker tätig wurden, die alles herstellten, was ein Herrscher und Kriegsmann brauchte: Schwerter, Sättel, Zaumzeug, Hufeisen, Jagdgerät und anderesmehr.

Oben Krämer, unten Büezer 

Vor allem aber war die Stadt auch Marktort,wo dieBauern derUmgebung ihre Produkte verkaufen und sich im Gegenzug mit städtischen Handwerkserzeugnissen eindecken konnten. Verschiedene Kenner – unter ihnenWerner Gallati (Burgdorfer Jubiläumsband 1972) – vermuten, dass die Stadt das Marktrecht bereits um 1200 herum besessen haben muss. Somit prägte der Handel von Anfang an das Leben in der Oberstadt. Bei der Unterstadt hingegen handelte es sich um eine ältere und ursprünglich unabhängige Siedlung namens Holzbrunnen; hier lebten Handwerker, die auf fliessendes Wasser angewiesenwaren, alsoBetreiber von Kornmühlen, Ölreiben oder Flachsstampfen, zudem Gerber, Färber und Bader.Diese Siedlung wurde erst rund 100 Jahre nach der Gründung Burgdorfs zum Stadtgebiet geschlagen und ebenfalls mit schützenden Mauern umgeben.

Was bereits in den Jahren der Gründung angelegt worden war, entwickelte sich in den kommenden Jahrhunderten auf diesem Geleise weiter: In der Oberstadt, wo an fliessendem Wasser chronischerMangel herrschte, waren vor allem die Kaufleute, Dienstleister, Verwaltungsspezialisten, Kunsthandwerker und die «stillen» Lebensmittelgewerbler mit ihren Läden zu Hause, zum Beispiel Tuchhändler, Apotheker, Notare, Kupferschmiede, Goldschmiede, Bäcker und Konfiseure.

Viele dieser Unternehmer gehörten den alteingesessenen Burgdorfer Ratsfamilien an. Dieses Patriziat einer kleinen, aber selbstbewussten Landstadt blickte auf die hemdsärmligen Handwerker in der Unterstadt buchstäblich herunter. Der Gegensatz von oben und unten verschärfte sich noch einmal, als ab 1857 mit dem Einzug der Eisenbahn das Bahnhofsviertel entstand. Dieses wurde dieHeimat von Bahn-, Lager- und Fabrikarbeitern, während deren Chefs auf dem Gsteig lebten, dem Villenhügel unmittelbar neben der Oberstadt. Diese eigentümliche sozialtopografische Gliederung prägte die Stadt noch bis weit ins 20.Jahrhundert hinein. Der Basler Philosoph Hans Saner hatte in Burgdorf drei Grosstanten, die er alsBubzuweilenbesuchte. Inseinen «Burgdorferbriefen» aus dem Jahr 1995 schildert er das Selbstverständnis dieser Gsteigbewohnerinnen recht bissig: «Meine Tanten waren allesamt ziemlich hochmütig. Es war ganz klar, dass die Oberstadt einem kleinen Kreis einfach gehörte. Wenn sie sagten ‹wir Burdlefer›, so dachtensienicht einenAugenblick an die Plebs im Bahnhofquartier, sondern ausschliesslich an die Oberstadt.»

Schliessung um Schliessung

In der Tat – die Oberstadt war in den 1940er-Jahren noch immer das stolze Detailhandelszentrum von Burgdorf. Eine Wende trat erst ein, als Coop in den 70erund Migros in den 80er-Jahren im Bahnhofquartier neu und für damaligeVerhältnisse üppig bauten. Die beiden Grossdetaillisten etablierten in Burgdorf ein neues Einkaufsverhalten und machten den Oberstadtgeschäften merklich Konkurrenz.

Mit einer neuen Pflästerung und einem nahezu autofreien Verkehrsregime versuchten die Behörden in der Folge zwar, Gegensteuer zu geben und dieOberstadt aufzuwerten.Diesewandelte sich nicht zuletzt durch diese Massnahmen aber definitiv zum Museum. Wer hier nicht wohnte oder auf nächtliche Beizentour ging, blieb zunehmend fern, und in den letzten 15 Jahren rissen die Nachrichten über schliessende Oberstadtgeschäfte kaum mehr ab. Den vorläufigen Tiefpunkt erlebte das Quartier, als im Sommer 2008 auch dasKaufhaus Manor die Tore schloss.

Hans Herrmann